Geschichte der Ernst-Bloch-Uni

Am 4. August 1977 starb Ernst Bloch 92-jährig in Tübingen. Die Studierenden, deren politisches Engagement im Jahr 1977 nach 1968 den zweiten Höhepunkt erreicht hatte, trauerten um einen engagierten Professor und Unterstützer ihrer Ziele.

Beerdigung und Würdigung

Anlässlich der Beerdigung Ernst Blochs redete Gundi Reck, damals AStA-Referntin, für die Verfasste Studentenschaft. Im Anschluss zogen Tausende Studierende mit einem Fackelzug durch die Stadt, unterbrochen von Zwischenkundgebungen, bei denen unter anderem Rudi Dutschke und Oskar Negt sprachen. Anschließend an den Fackelzug wurde eine Erklärung verfasst, die gleichsam das Gründungsdokument der Ernst-Bloch-Uni Tübingen darstellt:

Die Teilnehmer des Fackelzuges vom 9. August 1977 trauern um Ernst Bloch, den großen Philosophen und Denker, ihren Professor, ihren Genossen, der wie kein zweiter uns den aufrechten Gang durch die Menschheitsgeschichte in Theorie und Praxis gelehrt hat. Bloch war Marxist, seine Philosophie der Praxis hat das Prinzip Hoffnung auf die konkrete Utopie einer sozialistischen Gesellschaftsordnung trotz aller Widersprüche und Rückschläge nie in Vergessenheit geraten lassen. Sie war der Ansporn einer Generation, die Ende der 60-iger Jahre die Grundwerte der bürgerlichen Revolution und die Ideale des Humanismus begann, in die Tat umzusetzen. Aber das Wirken Ernst Blochs lebt weiter in den alltäglichen Auseinandersetzungen mit den Erscheinungen kapitalistischer Wirklichkeit. Geht es darum, der Verdinglichung des Bewusstseins aufzusitzen, einen Dogmatismus an den Tag zu legen, der den gesellschaftlichen Tendenzen widerspricht oder nichts mit dem Gedanken an radikale Freiheit der Menschheit zu tun hat, so ist es gerade seine Interpretation des Marxismus, die der Möglichkeit des Sozialismus erneut Qualität verleiht, für die sich der Kampf von Unterdrückten und Beleidigten nach radikaler Veränderung als lohnend erweist.

Für uns wird der Tod Ernst Blochs zum Anlaß, sein Erbe uns allen nutzbar zu machen. Diese Universität, die gerade in diesem Sommer sich anschickt, ihr 500-jähriges Jubiläum zu feiern, die stets in ihrer Geschichte von den Widersprüchen geistiger Freiheit, gesellschaftlicher Verantwortung der Wissenschaft und der Möglichkeit gesellschaftsverändernder Praxis gezeichnet war, soll fortan Ernst-Bloch-Universität heißen. Die Studentenschaft wird im Zusammenwirken mit den Teilen der politisierten Intelligenz, die bereit sind, das Erbe Ernst Blochs wieter zu vermitteln, anlässlich des Jubiläums eine Ernst-Bloch-Gedächtnisveranstaltungsreihe eröffnen und damit zum Ausdruck bringen, dass die Theorie der Praxis Fortbestand in uns allen haben wird. Ernst Bloch lebt weiter.

Bereits einen Tag zuvor hatten Unbekannte über dem Eingang der Neuen Aula, einem Hauptgebäude der Tübinger Universität, den Schriftzug »Ernst-Bloch-Universität Tübingen« angebracht. Auch eine Dokumentation erschien. [1]

Schon im Oktober 1978 fanden die »Ersten Ernst-Bloch-Tage« in Tübingen statt. Unter dem Thema »Marxismus und Naturbeherrschung« organisierten vor allem das Sozialistische Zentrum Tübingen und das Sozialistische Büro Offenbach eine Tagung, auf der über das Wechselverhältnis von Natur, Technik und Gesellschaft debattiert wurde. Ein Tagungsband erschien. [2]

Die Straße, in der die Blochs gelebt hatten, wurde noch 1977 in »Ernst-Bloch-Straße« umbenannt. Von offizieller Seite der Universität wurde Ernst Bloch nach seinem Tod jedoch nicht geehrt. Nichts wurde nach ihm benannt, keine Bloch-Forschung insitutionalisiert, keine regelmäßigen Tagungen veranstaltet. Einzig der Suhrkamp-Verlag stiftete 1983 eine kurzlebige Ernst-Bloch-Professur, die schon nach zwei Jahren wieder Geschichte war. [3] Die Bloch-Forschung organisierte sich anderswo: 1979 wurde in seiner Geburtsstadt Ludwigshafen das »Ernst Bloch Archiv« gegründet, wo auch seit 1985 der »Ernst-Bloch-Preis« verliehen wird. Im gleichen und dem folgenden Jahr gründeten sich mit der »Ernst Bloch Assoziation« und der »Ernst-Bloch-Gesellschaft« gleich zwei Vereinigungen, die sich bis heute der Erforschung und Vermittlung der Bloch’schen Philosophie widmen.

VOM AStA zum KAStRA

Vom 25.11. bis zum 29.12.1977 wurde das studentische Klubhaus in der Wilhelmstraße besetzt gehalten. Grund war die geplante Novellierung des Landeshochschulgesetzes. Tatsächlich wurde der AStA von der Landesregierung unter Führung des ehemaligen NS-Marinerichters Hans Filbinger aufgelöst und das vormals studentische Klubhaus von der Universität okkupiert. Es dauerte bis 2012, bis in Baden-Württemberg wieder eine Verfasste Studierendenschaft eingeführt wurde.

Anstelle des AStA trat ein von den Studierenden bald so bezeichneter »KAStrA« (ein Begriff, der schon in einem Flugblatt vom 5. Dezember 1977 verwendet worden war), der zwar offiziell noch AStA hieß, aber mit Unabhängigkeit und studentischer Interessenvertretung nichts zu tun hatte. Ministerpräsident Filbinger verfolgte damit das Ziel der »Trockenlegung des linken Sumpfes an den Hochschulen«. Der AStA der Ernst-Bloch-Universität rief frühzeitig zum Kampf gegen diese »Liquidation der verfassten Studierendenschaft« auf und praktizierten im Oktober 1977 einen Vorlesungsboykott.

Die bereits seit 1973 bestehende Fachschaftsrätevollversammlung, in der alle Fachschaften basisdemokratisch zusammenarbeiten, wurde daher 1977 durch eine studentische Vollversammlung mandatiert, die politischen Interessen der Tübinger Studierenden zu vertreten. Dieses Votum wurde mehrfach bestätigt, etwa im »Lucky Streik« 1997/78.

Bei der Wiedereinführung der Verfassten Studierendenschaft im Jahr 2012 entschieden sich die Studierenden für das Modell eines »Studierendenrats«, der jährlich gewählt wird. In diesem ist neben politischen Hochschulgruppen auch weiterhin die Fachschaftenvollversammlung vertreten.

Die 1980er Jahre

Im Januar 1980 gab die Fachschaftsrätevollversammlung der Ernst-Bloch-Universität gemeinsam mit den Basisgruppen im VDS (Verband Deutscher Studentenschaften) eine Broschüre zum Tod Rudi Dutschkes heraus. Dutschke war nicht nur für die Studierendenbewegung insgesamt als prominenteste Figur von großer Bedeutung gewesen, sein enges Verhältnis zu Ernst und Karola Bloch machte ihn insbesondere für die Tübinger Studierenden zu einer wichtigen Persönlichkeit. Er hatte auf der Beerdigung Ernst Blochs und dem anschließenden Fachelzug im Jahr 1977 Reden gehalten, die Ernst Bloch als Sozialisten, Theoretiker und persönlichen Weggefährten würdigten. Im Jahr 1988 erschien der Band »Lieber Genosse Bloch… Briefe Rudi Dutschkes an Ernst und Karola Bloch« im Talheimer Verlag, der diese politische Freundschaft nachzeichnet. [4] In der abgebildeten studentischen Broschüre wurde auch ein Nachruf Karola Blochs auf Rudi Dutschke abgedruckt. [5]

In den 1980er Jahren fand ein Großteil des politischen Engagements in Tübingen unter dem Logo mit der Blochfaust der Fachschaftenvollversammlung statt. Deren »Arbeitskreis Internationalismus« veranstaltete beispielsweise im Dezember 1981 die »Internationalismus-Tage Tübingen«. [6]

Besonders für Furore sorgte in den 1980er Jahren allerdings der Arbeitskreis »Schöner Wohnen«, der sich schon damals wichtigen wohnpolitischen Fragestellungen annahm. In der Folge kam es zu einer ganzen Reihe von Hausbesetzungen in Tübingen. Darunter auch eine Gruppe namens »Tübinger Stadtmusikanten«, die am 18. Juni 1980 das leerstehende Stabsgebäude der ehemaligen Thiepvalkaserne besetzen – aus dieser Besetzung entstand später das noch heute existierende Wohnprojekt Schellingstraße. [7] Auch die Besetzungen von Ludwigstr. 15, Sigwartstr. 17 und Schimpfeck kamen aus diesem Umfeld. Beim Schimpfhaus produzierte die Fachschaftsräte-VV der Ernst-Bloch-Universität Tübingen sogar ein Album der »Schimpfoniker« mit, das unter anderem den legendären Song »Jeder Stein, der abgerissen…« enthält (der Text geht weiter mit den Worten »… wird von uns zurückgeschmissen«).

Nach 1981 wurde es wieder ruhiger um Hausbesetzungen in Tübingen, die »Tübinger Linie« der Legalisierung der Besetzungen mithilfe des Studentenwerks zeigte Erfolg – und sorgte auf lange Sicht für die heute bestehende Vielfalt von Wohnprojekten in Tübingen. Und doch schlief der AK »Schöner Wohnen« nie komplett ein: 1989 wurde unter dem Motto »Schneller Wohnen ’89« die damals leerstehende neurologische Klinik in der Liebermeisterstraße 19 besetzt und als »Javadi-Haus« bezeichnet, in Erinnerung an Kiomars Javadi, einen zwei Jahre zuvor mitten in Tübingen am helllichten Tag getöten Asylbewerber. [8] Und heute bezeichnet der Name »Schöner Wohnen« eine Mailingliste, in der linke und alternative Projekte in Tübingen sich austauschen und über Termine informieren.

[1] AStA der Ernst-Bloch-Universität Tübingen (Hrsg.): Ernst Bloch lebt weiter. Dokumentation, Tübingen 1977.

[2] Sozialistisches Büro Offenbach (Hrsg.): Marxismus und Naturbeherrschung. Beiträge zu Ersten Ernst-Bloch-Tagen Tübingen 1978, Verlag 2000, Offenbach 1979.

[3] Elisabeth Binder: »Der geschenkte Professor«, in: DIE ZEIT, 23. August 1985.

[4] Karola Bloch, Welf Schröter (Hrsg.): »Lieber Genosse Bloch…«. Briefe Rudi Dutschkes an Ernst und Karola Bloch, Talheimer Verlag, Mössingen 1988.

[5] Fachschaftsrätevollversammlung der Ernst-Bloch-Universität Tübingen, Basisgruppen im VDS (Hrsg.): Rudi Dutschke ist tot. Gedanken, Erinnerungen, Tübingen 1980.

[6] Internationalismus-Ausschuß der Fachschaftsräte-Vollversammlung der Ernst-Bloch-Universität Tübingen, Bassisgruppen in den VDS (Hrsg.): Internationalismus-Tage Tübingen. 11. Dez. bis 13. Dez. 81. Dokumentation, Tübingen 1982.

[7] Matthias Möller (Hrsg.): Still gestanden? Die Geschichte einer alten Kaserne, hrsg. im Auftrag des Fördervereins Kulturdenkmal Schellingstraße 6, Tübingen 2009.

[8] Schneller wohnen ’89. Eine Dokumentation zur Besetzung des Javadi-Hauses (ehemalige neurologische Klinik) in Tübingen, Tübingen 1989.