Die Ernst-Bloch-Uni heute

Hier wird in Zukunft stehen, was die Ernst-Bloch-Uni ist, was sie will, und wie sie da hinkommt. Bis es soweit ist zeigen wir euch hier einen Text von einem unserer Flyer:

Ein Herbsttag in Tübingen. Einer der höheren Semester sitzt dir im Bus gegenüber. Auf ihrem Pulli, ein dir unbekanntes Symbol. Eine Faust, Sterne, »Ernst Bloch Universität Tübingen« in einem Kreis drum herum. Ein Siegel? Aber wo ist diese Universität? Heißt die Uni nicht nach Eberhard Karl? Wer den Hintergrund nicht kennt, mag verwirrt sein, dabei ist die Geschichte schnell erklärt.

Ernst Bloch starb im Jahr 1977, als die Universität Tübingen mit großem Tam-Tam ihr 500-jähriges Bestehen feierte, Berufsverbote für Akademiker*innen ausgesprochen wurden, welche aus Sicht der damaligen Großen Koalition im Ländle »radikal« seien – dazu zählte bspw. auch der heutige Ministerpräsident Kretschmann –, und der ehemalige NS-Marinerichter und damalige Bildungsminister Filbinger die Verfassten Studierendenschaften abschaffte, aus der Vorstellung heraus, diese seien ein »linksterroristischer Sumpf«. Der Wunsch nach einer Re-Demokratisierung der jungen Menschen nach dem Zweiten Weltkrieg zeigt sich im Klubhaus, welches der altehrwürdigen Uni den Rücken zeigt. In Gebäuden wie dem Brechtbau oder dem Hörsaalzentrum Morgenstelle goss man eine andere Form der Universität – die offen und auf Studierende ausgerichtet ist – in Beton. Ohne Frage erlebte diese Bewegung mit den 1960ern und dem Streiten um Mitbestimmung auf allen Ebenen und in allen Belangen der Universität und Gesellschaft einen ersten Höhepunkt.

Ernst Bloch, der marxistische Philosoph hinter dem »Prinzip Hoffnung«, fand 1961 nach zwei Weltkriegen und als mehrfacher politischer Flüchtling in Tübingen endlich ein Zuhause. Nach einigen Jahren als – unter Studierenden hochgeschätzter – Gastprofessor verlieh ihm die Universität am 5. Juli 1975 die Ehrendoktorwürde. Den Festakt mit Talaren, Orchester und zahlreichen hohen Gästen nutzten Studierende, um gegen den Radikalenerlass der Regierung Willy Brand zu protestieren. »Wann ist ER dran?« mahnte ein Spruchband. Bloch zeigte Dankbarkeit für die Aufnahme in der BRD, aber auch Verständnis für die Kritik der Studierenden. Am Ende seiner Rede stellte sich Bloch auf die Seite der Studenten, in dem er seine linke Hand zur Faust ballte, für studentisches Engagement und Kritik, für Freiheit der Lehre und Forschung an Universitäten ohne staatliche Einmischung und Repressionen. Bloch, der zwei Weltkriege erlebt hatte und mehrmals politischer Flüchtling gewesen war, wollte mit seiner Faust kein Zeichen für Gewalt, Verfolgung oder Totalitarismus setzen. Seine Haltung entsprach der des »aufrechten Ganges«, für Solidarität mit den Studenten und für ihre Freiheit.

Als Bloch schließlich 1977 starb, widmete der Allgemeine Studierendenausschuss die Universität Tübingen auf den Namen ihres wichtigsten Unterstützer und solidarischen Kritiker um. Die Erfahrungen dieser Jahre – die Organisierung eigener Strukturen in Fachschaften und Vollversammlungen, die Proteste, mit der trotz der Repressionen des Landes, trotz der Übermacht der Professor*innen, trotz Rechtsextremen in der Studierendenvertretung (Hochschulring Tübinger Studenten), trotz allen Widrigkeiten, trotz alledem, die Universität Stück für Stück und in vielen Bereichen nachhaltig verändert und solidarisch mitgestaltet werden konnte, diese Erfahrungen halten bis heute in vielen Bereichen an. Viele Gruppen beriefen sich mittels der »Blochfaust« auf diese Tübinger Tradition, gemeinsm für eine solidarische, studentisch mitbestimmte Universität einzutreten. Die Fachschaftenvollversammlung verwendete lange Zeit die Blochfaust als ihr Symbol und noch heute führen einige Fachschaften die Blochfaust als Logo.

Heute besteht die  Ernst-Bloch-Uni Tübingen aus Studierenden, welche eine Universität wollen, an der unser aller Stimmen zählen. Sie steht ein für eine (selbst)kritische Auseinandersetzung mit unserer Vergangenheit und der – zunehmend durch Repression, Wirtschaftlichkeitsdruck und Rechtsruck geprägte – Gegenwart. Denn: Nichts ist menschlicher als zu überschreiten, was ist. Zweifelnd schreiten wir voran.